Am Wegesrand nach Ginnegar

  

wurde am 11.September 1959 in Berlin-Schöneberg unter dem Namen Norbert Ernst Christoph Boesche als zweiter Sohn der Schriftstellerin Tilly Boesche-Zacharow geboren und wuchs ab dem neunten Lebensjahr im Stadtteil Frohnau auf. Die Ehe seiner Eltern löste sich 1963 durch Scheidung auf.

  Mit dem großen Bruder Mit dem großen Bruder
1961
 

Seine ersten Berufswünsche bewegten sich in  Richtung Balletttanz und Schauspiel. Aber über die ersten  diesbezüglichen Versuche (Mitwirkung am Hebbel-Theater: „Die tolle Komtess“, Statistenrollen in etlichen Fernsehspielen u.a. mit Günter Pfitzmann, kleine Rolle im Film „Schöner Gigolo – armer Gigolo“ in der Szenerie enthaltend den St.Matthäus-Friedhof an der Yorkstraße) kam er nicht hinaus. Sein Lebensweg sollte  in eine völlig andere Richtung führen.

  Fan seiner Mutter Fan seiner Mutter
1976
 

  Bewerbungsfoto Bewerbungsfoto
1977
 

  Verkleidung zum Standartenträger Einkleidung zum Standartenträger der deutschen Reichswehr zum Spielfilm "Schöner Gigolo - armer Gigolo" mit David Bowie, Kim Nowak und Marlene Dietrich
Leguan-Film
Dezember 1977
 

Als Schüler der Thomas-Mann-Gesamtschule wurde ihm das Thema "Judentum und drittes Reich" für eine Referatsausarbeitung übertragen (weil sonst niemand im Klassenverband daran interessiert war und andere Themenkreise bevorzugte). Um sich eine Vorstellung über ihm bis dato unbekannte Fakten machen zu können, suchte er das Gespräch mit seiner Mutter, die als "Kriegskind" und ehemaliges BDM-Mädchen in Nazi-Deutschland aufgewachsen war. Es entwickelte sich in ihm aufgrund heißer Diskussionen sehr bald ein tiefgreifendes Interesse, stark beeinflusst durch seine Mutter. Diese – seit 1950 inzwischen als freiberufliche Schriftstellerin tätig – empfing ebenfalls aufgrund dieser Gespräche für sich selbst völlig neue, wegweisende Impulse.

  Foto von Denis Foto von Denis
1945
 

  Auschwitz In Auschwitz mit ehemaligen jüdischen Häftlingen vor der ASF-Abreise nach Israel
1978
 

Zwanzig Jahre danach - als er bereits sein Lebensprojekt "Reinickendorfer Judenheit" bearbeitete - fragte ihn eine Reporterin vom "Nordberliner":

"Woher rührt Ihr ungewöhnlich ausgeprägtes Interesse für die (jüdische) Problematik? Sind Sie selbst Jude?"

Avi:
"Meine Ihma und ich fühlen uns der Judenheit eng verbunden, verbringen jetzt große Teile der Jahre in Israel. Wir können zwar keine offiziellen Dokumente über unsere Religionszugehörigkeit vorweisen, aber wir verhalten uns nach dem chassidischen Grundsatz: Wer sich als Jude fühlt, ist Jude! Wir sind davon überzeugt, durch unsere masurischen Vorfahren dementsprechend geprägt zu sein. Es könnten sich darunter galizische Juden befunden haben. Während der Nazizeit bei der Erstellung der nazistischen Ahnenpässe gab es bei uns irgendwo einen Punkt, von dem aus es besser zu sein schien, nicht weiter zu forschen, berichtete meine Mutter. Die Schwester ihres Vaters entsprach noch absolut dem Typ, den die Nazis als jüdisch schablonisierten."

Frage:
"Was veranlasste Sie plötzlich, Nachforschungen über die Schicksale der Reinickendorfer Juden anzustellen?"

Avi:
"Das Thema beschäftigte mich schon seit langem... Die vorgeschriebene zweistündige Abhandlung im Schulpensum über den Nationalsozialismus war mir einfach zu wenig. Später wollte ich etwas Sinnvolles tun und machte bei der Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste » www.asf-ev.de « mit. Ich arbeitete in Auschwitz während eines Vorbereitungs-Seminars. Der Aufenthalt dort fiel mir sehr schwer. Er bedrückte mich. Später in Israel gab es ein Nagel-Bombenattentat auf einen Freiwilligenbus, in dem auch ich saß. Ich war einer der Verletzten. Vor drei Jahren bemerkte ich, dass es in der Edition Hentrich eine Buchreihe über Juden in den Berliner Bezirken gab, aber Reinickendorf fehlte dabei. So fing ich an, selber Fakten zu sammeln. Ich selbst bin seit Kinderzeit Frohnauer, das ein Reinickendorfer Unterbezirk) ist."

Das als reines Schulprojekt begonnene Thema „Hitler und die Juden“ nahm Gestalt an, wurde umfänglicher und nahm auf Leben und Gedankengang Ben-Trojans immer mehr Einfluss. Sammlungen verschiedenartiger Medien (Zeitungen, Bücher, Schallplatten, Filme) häuften sich an. Noch nicht ganz 18jährig nahm der junge Mann Kontakt zur Aktion Sühnezeichen » www.asf-ev.de « auf, und im März 1978 begann er - anschließend an die Vorbereitungsreise in das Menschenvernichtungslager Auschwitz - seinen Friedensdienst in Israel.
Seine Mutter gab ihm ihre Gedanken und Segenswünsche mit auf den Weg:

 

Shalom - Avi

Du gehst, mein  Sohn, nach Israel , und mit dir geht der Geist,
der dir, mein Sohn, in Israel den Weg als Richtpfeil weist.
Es gehen 6  Millionen mit, mein Sohn, die einst vergast ...

Hör auf den Ruf derjenigen, die du zur Seite hast.
Du fühlst, mein Sohn, genau wie ich und trägst die Scham allein,
denn - was der Mensch dem Menschen tut, wird nie vergessen sein.

Du gehst, mein Sohn nach Israel, und mit dir geht mein  Herz.
Heb auf, was du in Israel noch finden wirst als Schmerz.

Sieh Davids Stern, er sei dein Licht, dem du, mein Sohn, dich gibst,
weil du - wie´s deine Mutter tut.-  den Mensch im Menschen liebst.

Man kreidet es den Juden an, dass Jesus damals litt.
Was hat man  ihnen  angetan, wie spielt man ihnen  mit?
Vertritt, mein Sohn in Israel, was deine Mutter schreit:

Ihr Juden alle, in der Welt, vergebt  uns - oh - verzeiht!!!
So geh, mein Sohn, nach Israel; du hast es selbst gewollt.
Grüß mir, mein Sohn, in Israel Jerusalem von Gold.

 

 

 

 

 

 

Nablus

Dann strahlten weltweit am 27. April 1978 die Medien die schockierende Nachricht aus, dass am Tag zuvor in Nablus / Israel ein Terroranschlag auf einen Bus mit Friedensdienstlern verübt worden sei. Die Explosion der Nagelbombe forderte zwei Todesopfer und fünf Verletzte. Einer der Verletzten war der 18jährige Norbert Boesche (Avigdor Ben-Trojan).

  Nablus Im Tel Hashomer-Krankenhaus
1978
 

Der Tod seiner zwei ASF-Gefährten, unmittelbar neben ihm getroffen, erschütterte Avi unsagbar...

  Susanne Zahn, Christoph Gaede 1978  

Seine Mutter verbrachte  Avis „Genesungsurlaub“ gemeinsam mit ihm im Kibbuz Ginegar.
Es war ihr erster Besuch in Israel. Er sollte jedoch nicht der letzte bleiben.

Erneut fühlte sie sich aufgerufen, das Geschehnis zu verkraften,
indem sie sich dichterisch damit auseinandersetzte.

 

Bombe von Nablus

Dich traf, mein Sohn, in Israel
der Hass mit voller Wucht.

Du hast trotz Tod und Schmerz und Blut
den Mördern nie geflucht.

Du trägst viel Narben und das Mal –
und zweien ward es Nacht
Doch hast gerade du, mein Sohn,
die Antwort drauf erbracht.

Heb der Versöhnung Fackel hoch,
und mach dein Herz  ganz weit.
Du bist ein Licht, du zeigst ein Ziel
in uns´rer dunklen Zeit.

 

Im Tel Hashomer-Krankenhaus, nahe Tel Aviv, in das man die Opfer per Hubschrauber brachte, wurde Avi vom amtierenden evangelischen Probst in Jerusalem, Pfarrer Glatte und dem bekannten jüdischen Philosophen Schalom Ben Chorin besucht. Auch später war Avi bei beiden häufiger zu Gast siehe www.boesche-verlag.de.

  Schalom Ben Chorin Avi Ben Trojan besucht Schalom Ben Chorin in Jerusalem-Romema  

 

 

 

 

 

Keller-Haus

Ende des 19. Jahrhunderts baute der deutsche Vizekonsul Fritz Keller auf dem Berg Carmel das erste Wohnhaus. Damit war der entscheidende Schritt zur Entwicklung des damals noch völlig unbedeutenden Städtchens zur heutigen Großstadt Haifa am Mittelmeer getan. Im so genannten Keller-Haus errichtete die Universität Haifa das Gottlieb-Schumacher-Institut und den Lehrstuhl für "Erforschung des christlichen Beitrages zum Wiederaufbau Palästinas im 19.Jahrhundert". (Fritz Keller war ein Mitglied der württembergischen Templer in Haifa. Gottlieb Schumacher war einer der führenden Templer der Pionierzeit.) Zur Leitung des Institutes wurde Professor Alex Carmel berufen.

  Prof. Alex Carmel Prof. Alex Carmel (1931-2002) vor dem Keller-Haus in Haifa.
Quelle: www.mianba.de/heimatforschung
 

  Gottlieb-Schumacher-Institut im "Keller-Haus" Das Gottlieb-Schumacher-Institut im "Keller-Haus"  

  Einweihung des Keller-Haus Einweihung des Keller-Hauses am 11. November 1993 in Haifa
Hier trifft Avi Ben-Trojan auf alte Freunde:
Pfarrer Helmut Glatte, Propst von Jerusalem (1971-1979) und Gattin
 

 

 

 

 

 

Brief an den deutschen Bundestag

Die englischsprachige "Jerusalem-Post" berichtete am 22. Juni 1979 über eine von Avigdor Ben-Trojan und seiner Mutter inszenierte Aktion.

Sie vermittelte den Inhalt des von Mutter und Sohn verfassten Briefes, mit dem sie sich am 2. April 1979 an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages im Bonner Bundeshaus gewandt hatten, und in dem sie erklärten, ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben zu wollen, wenn die Abstimmung der deutschen Volksvertreter eine Verjährung für Naziverbrechen zur Folge hätte:

"...unsere Familie wurde nicht zu Seife verarbeitet, aus unseren Verwandten machte man keine Lampenschirme. Darum haben wir auch nicht das Recht, von den Juden zu fordern: vergebt und vergesst! Wir wollen die Mörder nicht frei in unserer Mitte, wir wollen ihnen nicht die Hände schütteln, wollen nicht ihre Prahlerei hören, wie sie die Juden ermordeten. Sollte die Abstimmung der deutschen Volksvertreter eine Verjährung für Naziverbrechen eintreten lassen, sehen wir es als Schande an, weiter Angehörige dieser Nation zu sein. Wir werden unsere deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben und bewusst die daraus resultierenden Nachteile voll Stolz in Kauf nehmen."

  Jerusalem Post vom 22. Juni 1979  
  Jerusalem Post vom 22. Juni 1979  

 

 

 

 

 

Seine Ehe

1980 lernte Avigdor Ben-Trojan in Jerusalem – auf der Stadtmauer der Old-City - die Engländerin Paulene (Polly) Wrate kennen. Er ging mit ihr nach England, und sie heirateten dort. Gemeinsam siedelten sie nach Deutschland über.

  Eheleute, Norbert Boesche - Paulene Boesche  
  Eheleute, Norbert Boesche - Paulene Boesche geborene Wrate - 1980
 

  Avigdor und Ehefrau Polly Avigdor und seine Ehefrau Polly
Anfang 1980er
 

Doch ihre Ehe hatte keine Chance, nach wenigen Jahren trennten sie sich. Erst nach seinem Tod stellte sich das Kuriosum heraus, dass seine Scheidung in Deutschland nicht anerkannt wurde. So hinterließ er als "verheiratet" eine Witwe, die längst nach Groß-Britannien zurückgekehrt war. Avi blieb in Berlin, immer wieder unterbrochen von längeren und kürzeren Aufenthalten in Israel (wo inzwischen auch seine Mutter Fuß gefasst hatte. Sie pendelte zwischen Berlin und Haifa- und das wird sie bis zu ihrem Lebensende tun.  Der mit ihr befreundet gewesene Dichter Carl Stern aus Jerusalem (siehe » www.boesche-verlag.de «) hatte ihr 1985 seine im Haifaer Stadtteil Hadar gelegene Wohnung vererbt.

  Panorama von Haifa  
  Blick von der Louis-Promenade auf das Panorama von Haifa
Quelle: Wikivoyage
 

  Haifa, Bahai-Tempel  
  Haifa, Die Anlagen um den Bahai-Tempel  

 

 

 

 

 

M. & N. Boesche Verlag

1981 beschlossen Avi und seine Mutter die Gründung eines kleinen Verlagsunternehmens. Sie - als freiberufliche Schriftstellerin und er - Autodidakt in technischen Fakten  nahmen sich der vielen kleinen, aber durchaus oft sehr guten Autoren an, deren  Arbeiten auf ihrem Schreibtisch gelandet waren. Vor allem war es ihr Anliegen, deutschschreibenden Dichtern in Israel und sonst in der Welt ein wenig Gehör zu verschaffen. Zum Grundprojekt wurde die literarische Zeitschrift „SILHOUETTE Literatur international“, die im Lauf ihres zehnjährigen Bestehens über rund 500 Autoren aus aller Welt eine Möglichkeit verschaffte, gelesen zu werden. Auch die – fast 100 Nummern umfassende Minibuchreihe: „Literatur zum Angewöhnen“ trug zur allgemeinen Beliebtheit bei. Avigdor hatte die Aufgabe des Layouters und war der Fachmann für Gestaltung der Verlagsprojekte.

  Avigdor und seine Ihma Avigdor und seine Ihma
16.04.1991
 
» www.boesche-verlag.de «

 

 

 

 

 

10 Jahre nach Nablus

In einem seiner späteren Interviews berichtete er weiter:
"Zweimal bin ich nun schon einem schlimmen Geschick entkommen. Von Nablus sprachen wir bereits. Aber schon lange davor hing schon einmal das Damoklesschwert über mir. Meiner Ihma - so erzählte sie mir – war, während sie mit mir schwanger war, das Schlafmittel Contergan verschrieben worden. Doch sie war absolut keine Tablettenschluckerin und durchwachte lieber die Nächte, als das Medikament zu nutzen. Inzwischen weiß alle Welt, was für entsetzliche Folgen diese schrecklichen Tabletten bewirkten, die ein den Nazis einst ergebener Arzt entwickelt hatte... Ich sprang also eigentlich schon zweimal einem schlimmen Schicksal von der Schippe..."

 

zum 10. Jahrestag von Nablus

Du warst, mein Sohn, in Israel,
das uns zum Schicksal wurd,
erlebtest fast dein Ende dort
und dann die Neugeburt.

Du lebst, mein Sohn! Was wirst du nun
in dieser Welt voll Hass und Wut
mit dem geschenkten Leben tun?

Wer weiß denn schon, warum er lebt?
Man spürt nur manchmal, dass man schwebt.

Man hört den Ruf: sei stark und fühl...
Das Leben ist weit mehr als Spiel,
und wer dem Tod schon mal entging,
der sieht sein Da-Sein nicht gering.

Er kann nun sehr viel weiter sehn -
Ich weiß, du wirst gestärkt, mein Sohn,
den Erdentrip bestehn.

Quelle: T.B.Zacharow, „Oh Israel - sie wollen dich verderben" ISBN 3-923809-79-4

 

Von Nablus an waren ihm noch knappe 25 Lebensjahre beschieden. Später, als er bereits über seine Lebenserwartung aufgeklärt worden war, sagte er:
"Ein Mensch kann in vierzig Jahren mehr Lebenserfüllung gefunden haben als einer, dem hundert Jahre zur Verfügung stehen, ohne dass er sie genutzt hat."

 

 

 

 

Projekt Reinickendorfer Judenheit

Avi nutzte seine Zeit ausgiebig, in jeder Beziehung. Er nahm sich eine Sisyphos-Arbeit vor. Nachdem er mittels einer Foto-Dokumentation der jüdischen Friedhofs-Tradition in Berlin nachgespürt hatte, nahm er 1994 sein Hauptprojekt "Reinickendorfer Judenheit" in Angriff. Er begann mit dem Unterbezirk Frohnau, in dem er selbst  beheimatet war und stellte seine Frage nach dem jüdischen Nachbarn, von dem kaum jemand etwas zu sagen wusste (oder wissen wollte!?) In akribischer Kleinarbeit und völlig auf sich allein gestellt, recherchierte er für sein Projekt und bahnte globale Kontakte an.
Auf die Frage einer Reporterin: „Woher bekamen Sie Ihre Informationen?" erzählte er: „Zunächst wurde ich in dem Gedenkbuch der jüdischen hiesigen Gemeinde fündig. Dort standen zweihundert Namen. Das Ganze war sehr mühsam. Unterstützung von offiziellen Stellen hatte ich zunächst überhaupt nicht, bis mir Hilfe von Dr. Hermann Simon vom Jüdischen Kulturverein zuteil wurde, indem er mir ein Empfehlungsschreiben gab, das mir einige wichtige Türen öffnete. Ich stieß schließlich auf die amtliche Erhebungszahl einer Volkszählung vor 1933. Demnach gab es damals 1.175 Juden in Reinickendorf. Es fehlten mir also (nur noch!) rund 1000 Namen.“

  Unterstützung der "Neuen Synagoge Berlin"  
  Er wurde unterstützt von der "Neuen Synagoge Berlin"  

Er gab Suchanzeigen auf, schrieb "Bettelbriefe" an Redaktionen, damit sie seine Aufrufe gratis veröffentlichten. Auch Mund-zu-Mund-Propaganda zahlte sich aus. Es flatterte Post aus aller Welt in seinen Briefkasten. Wichtige Dokumente  wurden ihm "zu treuen Händen" überlassen. Persönlich eingeholte Recherchen   - selbst seine Ihma wurde als Interviewerin in Tel Aviv und Haifa eingespannt – halfen ihm weiter. Bis 1997 hatte er mühsam etwa 900 Namen gelistet und versucht, etwas über sie herauszufinden, um toten Menschen noch einmal zum Leben zu verhelfen und den vielen unbekannten Opfern ihre Namen zurückzugeben.

  Recherchetour in der berliner Synagoge Auf Recherchetour in der berliner Synagoge, Oranienburger Straße  

„Was empfinden Sie, wenn Sie nun Ihren Materialberg ansehen?" wollte die Reporterin wissen.
Avi´s Antwort lautete:
„Hinter allen Namen, hinter allen Fotos, hinter jeder Zeile eines jeden Briefes steckt ein - überwiegend trauriges - Schicksal, denn die meisten Juden wurden ja ermordet. Aber manchmal gibt es auch gute Nebeneffekte. Gerade letztens stellte sich durch ein Interview mit einer 70jährigen Frohnauerin heraus, dass ich ihre Adresse an eine inzwischen in Israel lebende ehemalige Schulfreundin vermitteln konnte. Da war die Freude der Beiden natürlich riesengroß."

„Was machen Sie jetzt mit dem Riesenpapierberg?"
Avi:
„Eigentlich hatte ich gehofft und mir gewünscht, dass ein - mein - Buch in der Reihe der Edition Hentrich erscheint. Aber der Verlag verlangte einen sehr hohen Druckkostenzuschuss, den ich nicht leisten kann. Darum werde ich  jetzt die Dokumentation, die das Alltagsleben und  die Leiden der jüdischen Bevölkerung in Berlin-Reinickendorf widergibt, zusammen mit meiner Mutter in unserem eigenen Mini-Verlag herausgeben. Wir finanzieren das Buch aus unseren privaten Mitteln. Ein befreundeter Drucker hilft uns dabei. (Danke, Micha Böseler !) Es soll zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht erscheinen."

"Sind damit Ihre Recherchen abgeschlossen?"
Avi:
„Aber, nein, keineswegs. Ich suche immer noch Zeitzeugen, Dokumente, Fotos, Tagebücher. Die Suche erstreckt sich auf ganz Reinickendorf in den Grenzen bis 1946, die ehemaligen "nördlichen Vororte von Berlin", also Frohnau, Hermsdorf, Tegel, Heiligensee, Wilhelmsruh, Lübars, Waidmannslust und Wittenau. Frohnau wird demnächst erscheinen. Es folgt Hermsdorf und so weiter. Das bringt noch sehr viel Arbeit mit sich.“

 

 

 

 

Gedenkveranstaltung in Frohnau

Obwohl durch seine Krankheit bereits stark gezeichnet, unterstützte Avigdor Ben Trojan 1997 tatkräftig eine Ausstellung der reinickendorfer Jusos unter David von Zittwitz, die aufgrund ihres positiven Erfolges im Jahr 2000 wiederholt wurde.

  Frohnauer Gedenveranstaltung  
  Anzeige zur 1. Frohnauer Gedenveranstaltung  

Aufgrund seines Engagements und der von ihm ergriffenen Initiative wurde trotz des CDU-Protestes ein Gedenkstein "Unseren jüdischen Nachbarn" im November 2000 auf dem Zeltinger Platz vor der evangelischen Johannes-Kirche aufgestellt und im Beisein von Andreas Nachama enthüllt.

   
  Antwort auf den Protest der CDU  

   
  Israel Nachrichten vom 21.11.1997  

 

 

 

 

Jüdische Spurensuche in Berlin Reinickendorf

Anhand der intensiven Nachforschung Avigdor Ben Trojans erschien 2000 der erste Teil seines Werkes

  "Liebe Grüsse an Frl. Ilse" Jüdische Nachbarn in Frohnau "Liebe Grüsse an Frl. Ilse" Jüdische Nachbarn in Frohnau
1.Auflage 1998   /  2.Auflage 2003
Bei Amazon
 

Aufgrund seines tadellos geordneten Nachlasses konnte postum  der Nachfolgeband erscheinen:

  "Ich denke oft an Onkel Franz" Jüdische Nachbarn in Hermsdorf und Umgebung "Ich denke oft an Onkel Franz" Jüdische Nachbarn in Hermsdorf und Umgebung
1. Auflage 2004
Bei Amazon
 

Die Reihe  konnte leider nicht fortgesetzt werden, obwohl rege Nachfrage bestand, Herz und Seele des Projektes weilten  nicht mehr auf Erden.

 

 

 

 

Die letzte Zeit

Zu den datenmäßig  verschiebbaren Hohen  Feiertagen, die  innerhalb des Weltendatums 2002 / 03 mit dem jüdischen Neujahr ( Rosch ha Schana 5763) begannen und in die diesjährig auch Avi Ben Trojans 43ster Geburtstag fiel, beschloss er, seine Ihma nach Israel zu begleiten.
Während sie ihr Domizil in Haifa, unweit der unter Denkmalschutz stehenden Wohnstätte in der Herzlstraße des „Gerechten unter Gerechten“ Raoul Wallenberg genossen und das Neujahrsfest in Jerusalem bei Freunden verbrachten, begingen sie seinen Geburtstag teilweise mit der Grabpflege des seit 1996 auf dem Tel Aviver Friedhof ruhenden Künstlermäcen und als Advokat tätig gewesenen Joachim Samuel » Amazon, Pintus von Seehausen «. Er war ein wunderbarer Freund, der am gleichen Tag im Sternzeichen Jungfrau – wie Avi, nur etliche Jahre früher – das Licht der Welt in Deutschland erblickt hatte.

In dieser Zeit kam es zu einer so starken Schmerzattacke Avis, dass  er in das Zion-Krankenhaus am Carmel eingeliefert werden musste. Die Ärzte bekamen das akute Problem soweit in den Griff, dass Ben Trojan noch am selben Tag das Spital wieder verlassen konnte. Sein ungeheurer Lebenswille, seine oft bewiesene „Steh-auf-Männchen-Mentalität“, seine Durchhaltekraft halfen ihm sogar, sich sofort gegen eine überhöhte Rechnung des Krankenhauses zu wehren und anschließend der ausgezeichneten Mitarbeiterin der Klinik, die ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, mit einem riesigen Blumengebinde und dem ihm innewohnenden ungeheuren Charme zu danken.

Als er sich wenige Tage später von seiner Ihma, die einen etwas längeren Haifa-Aufenthalt geplant hatte, verabschiedete, wussten beide nicht, dass es ein Abschied für immer war. Die Schreckensmeldung: „Avi liegt seit dem 8. November im Koma“ wurde von seiner Schwester aus Berlin nach Haifa gefunkt, wo gerade der Schabbat begann und es dann keine Möglichkeit gibt, das Land auf dem Luftweg zu verlassen. Das bedeutete: 24 Stunden Leerlauf und immer wieder die Erinnerung an das letzte Telefonat, in dem der letzte Gruß von Avi seine Mutter erreichte: „Ich bin sehr müde, ich leg mich jetzt zurück und werde schlafen!“

Zwölf Tage lang lag Avi im Koma, und irgendein Herr Professor erklärte an seinem Sterbebett der gelangweilten Studentengruppe diesen „interessanten und spannenden Fall“. Für die wohl nicht erwartete, entsetzt dazukommende Mutter hatte er nur einen kalt-abwehrenden Blick, während er an dem Störobjekt  seines fulminanten Vortrages vorbeirauschte.
Avi war für eine Magenspiegelung narkotisiert worden. Er schlief ein mit dem Gedanken: „Wenn ich wieder aufwache, ist alles vorbei!“ Er ließ sich von Menschen nicht mehr aufwecken. Dennoch war wirklich alles vorbei.
Als er „erwachte“, am 20. November 2002, war es nicht zum irdischen Leben, sondern zur Ewigkeit. Er hatte schlafend die Schwelle vom Hier zum Dort überschritten und war wieder da angelangt, von wo er einmal in die Zeit eingetreten war: er war zurück in der Ewigkeit. Ein letzter Trost (!?) für die, die er verließ, in deren Gegenwart er sich immer weiter entfernte. Er tat seinen letzten Atemzug fast auf die Stunde genau, in welcher er am Tag der Geburt den ersten Atemzug für die Zeit seines Lebens getan hatte. Seine Mutter hatte ihn zweimal begleitet: beim Kommen – beim Gehen! Mit zugegen bei seinem Fortgang waren Avis Schwester und sein „Blutsbruder“ Christian, ein echter Freund.

  Orangenbaum, zu Hause  
  Zu Hause  

 

 

 

 

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Dr. Tilly Boesche Zacharow
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© Dr. Tilly Boesche Zacharow
Gilt für alle Inhalte, sofern nicht anders angegeben.

Musikalische Untermalung:
1. HaTikvah, Orchestra of the National Military Band
2. HaTikvah, gesungen von Barbra Streisand
Quelle: Israel Science and Technology Homepage, the national database and directory of science and technology related sites in Israel.

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